Interview

Oktober | November 2026

„Wir brauchen ein Ziel und einen Plan“

Foto: Christian Modla

„Wir brauchen ein Ziel und einen Plan“

Die chemische Industrie steckt in einer beispiellosen Krise, ganze Standorte sind in Gefahr. Bestes Beispiel ist Dow Chemical im sächsischen Böhlen. Das Unternehmen hat entschieden, den Steamcracker dort zu schließen. Betriebsratsvorsitzender Patrick Brückner erklärt, warum der Betriebsrat dennoch den Kopf nicht in den Sand steckt, was der Standort jetzt braucht und was ihm trotz allem Frust Hoffnung macht.

Zur Person:

Patrick Brückner (37) ist seit Frühjahr dieses Jahres Betriebsratsvorsitzender bei Dow Chemical im sächsischen Böhlen. Der Chemietechniker war zuvor bereits stellvertretender Vorsitzender des 11-köpfigen Gremiums. Das Werk von Dow war in die Schlagzeilen geraten, nachdem das Unternehmen angekündigt und beschlossen hatte, Anlagen zu schließen – unter anderem den Steamcracker, und damit das Herzstück jeder chemischen Produktion. 540 Arbeitsplätze sind betroffen. Dow war auch im Bundestag Thema.

Patrick, die chemische Industrie erlebt einen beispiellosen Sturm und ihr bei Dow Chemical in Böhlen steckt mittendrin. Wie fühlt sich das an?

Nicht gut. Ein Stück weit kommen wir uns vor wie ein Spielball. Es gibt Entscheidungen, gegen die wir machtlos sind. Man kann noch nicht mal dem Unternehmen einen Vorwurf machen. Es hat aufgrund von Rahmenbedingungen Entscheidungen getroffen, und wir haben das Gefühl, das so hinnehmen zu müssen. Das ist kein schönes Gefühl.

Nun gab es schon immer Krisen, was macht diese besonders?

Unser Standort ist 105 Jahre alt. Über einen so langen Zeitraum bleibt es nicht aus, dass sich Geschäftsmodelle komplett ändern, wie das zum Beispiel nach der Wiedervereinigung der Fall war. Der Business Case der DDR war da an sein Ende gekommen. Wir können also Transformation, das haben wir bewiesen. Das Problem bei der aktuellen Krise ist, dass wir kein Licht am Ende des Tunnels sehen. Stattdessen kommt seit drei bis vier Jahren immer noch was obendrauf, mal ein globaler Konflikt, der sich auf unsere Branche auswirkt, mal eine neue Rahmenbedingung, die politisch manifestiert wird und die wir erfüllen müssen. Es ist kein Ende in Sicht, es fehlt uns eine Perspektive.

Wie wirkt sich dieser Frust auf eure Arbeit als Betriebsrat aus?

Die Stimmung hier ist denkbar schlecht. Es ist nicht so, dass die Belegschaft uns Vorwürfe macht. Die Leute sehen schon, dass wir ackern, dass wir versuchen, das Beste aus der Situation herauszuholen. Wir haben hier grob unterteilt zwei Gruppen im Betrieb. Die einen betreiben Eskapismus, die beschäftigen sich gar nicht mehr mit den Themen, die hier so aufploppen und sagen: ‚Bringt eh nix.‘ Die anderen haben einfach nur Panik, weil sie nicht wissen, wie es weitergeht. Wir selbst als Gremium sind jetzt ständig mit Fragen der Restrukturierung beschäftigt. Man kann sich als Betriebsrat schönere Aufgaben denken.

Wir bräuchten einen Industriestrompreis, der einfach und praktikabel ist, denn das, was die Bundesregierung vorgelegt hat, ist zu kompliziert.

Patrick Brückner

Was kann man der Perspektivlosigkeit entgegensetzen?

Im Grunde genommen brauchen wir jemanden, der finanziell, aber auch inhaltlich hier am Standort oder auch darüber hinaus eine Zukunft sieht und bereit ist zu investieren. Aber damit das passiert, müssten eben die Rahmenbedingungen stimmen. Wir bräuchten einen Industriestrompreis, der einfach und praktikabel ist, denn das, was die Bundesregierung vorgelegt hat, ist zu kompliziert. Diese Überregulierung muss wegfallen, und bei der CO₂-Bepreisung muss etwas passieren. Wir hatten jüngst Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas zu Besuch in Sachsen und haben das Thema da noch mal adressiert: Ohne diesen Willen, die großen Themen anzupacken und unsere Indus­trie auf neue Füße zu stellen, ohne diesen Transformationsgedanken wird nichts vorangehen.

Gibt es denn Ideen für euren Standort?

Ja, durchaus. Wir wissen, dass die Technologie hier am Standort auch schon ein Stück weit überholt ist, dass da etwas Neues kommen muss. Weg vom Erdöl, hin zu mehr Rezirkularität, also Recycling, mehr Biostoffe, das ist ja auch politisch gewollt und da ist vieles denkbar. Nur: Auch für solche neuen Geschäftsmodelle müssen erst mal die Rahmenbedingungen stimmen.

Sprechen denn gar keine Argumente mehr für den Standort Deutschland?

Doch, durchaus, wir haben die Fachkräfte, sehr gut ausgebildete Leute, die wissen, was sie tun. Wir haben auch rechtliche Sicherheit, auch das ist ja ein Standort-Argument. Wir haben politische Stabilität. Es ist schon relativ unwahrscheinlich, dass eine politische Gruppierung die Elbe blockiert, damit dort keine Schiffe mehr entlangfahren, so wie das in der Straße von Hormus passiert ist. Die Frage ist: Wie viel ist diese Sicherheit den Investoren wert?

Fühlt ihr euch von der Politik alleingelassen?

Es ist nicht so, dass wir kein Gehör fänden. Hier auf Landesebene in Sachsen finden wir das schon, beim Ministerpräsidenten, beim Wirtschaftsminister, auch auf regionaler Ebene, bei den Landräten, da können wir wirklich nicht meckern, die waren auch alle schon mal hier. Nur habe ich das Gefühl, dass auf regionaler politischer Ebene jetzt die Grenzen der Kraft erreicht sind, zumal wir nicht das einzige kriselnde Unternehmen in der Region sind, siehe zum Beispiel das VW-Werk in Zwickau. Im Grunde genommen muss jetzt die Bundespolitik ran, mit einem konkreten Maßnahmenplan, einem Masterplan für die Industrie, einer übergeordneten Strategie. Wir brauchen ein Ziel: Wo wollen wir hin und wie ist dieses Ziel zu erreichen?

Es reicht nicht zu sagen, uns gefällt diese Richtung nicht, uns gefällt die AfD nicht, sondern wir müssen fragen: Was sind die Ursachen für diesen Wahlerfolg?

Patrick Brückner

Du hast dein Amt als Betriebsratsvorsitzender gerade erst im Mai angetreten. Was hat dich denn daran gereizt, ausgerechnet in so turbulenten Zeiten?

Ich war vorher schon freigestellter Betriebsrat und stellvertretender Vorsitzender und habe das Amt sieben Jahre innegehabt. Ich sehe ein Stück weit auch die Chance, hier am Standort etwas zu erreichen und dann vielleicht im Nachhinein sagen zu können: Es ist uns gelungen, hier etwas Neues zu gestalten. Die Rahmenbedingungen, die kann ich als Einzelner und wir als Betriebsrat sicherlich nur bedingt beeinflussen. Aber wir können zumindest mithelfen, hier am Standort etwas entstehen zu lassen. Das ist die Motivation, die mir auch hilft, jeden Tag aufzustehen und herzukommen. Den Kopf in den Sand stecken, das wollen wir nicht.

An dieser Frage kommt gerade niemand vorbei: Was sagst du zum Wahlergebnis in eurem Nachbarbundesland Sachsen-Anhalt?

Aus meiner Sicht ist dieses Ergebnis eine Vollkatastrophe. Nur muss man jetzt mit dieser Situation umgehen. Man muss mit den Menschen reden und sich ihre Sorgen, Probleme und Nöte anhören. Es reicht nicht zu sagen, uns gefällt diese Richtung nicht, uns gefällt die AfD nicht, sondern wir müssen fragen: Was sind die Ursachen für diesen Wahlerfolg?

Gibt es etwas, dass dir Hoffnung macht?

Das mag jetzt etwas pathetisch klingen, aber tatsächlich sind es die Menschen hier. Ich sehe um mich herum, wie Menschen heiraten, wie sie Kinder bekommen, zum Beispiel bei uns im Gremium, ich selbst gehöre auch dazu. Man baut an der Zukunft, zumindest privat, und das gibt mir Hoffnung. Das Leben geht weiter. Ich bin mir auch sicher, dass hier am Standort etwas Neues entstehen wird. Wir wissen noch nicht was, wir wissen noch nicht wann, aber es wird weitergehen.