Interview

Oktober | November 2026

„Wir müssen China stoppen“

China produziert Überkapazitäten und flutet damit die Märkte in Europa. Darauf braucht es eine entschlossene europäische Antwort mit besserem Schutz und einer Stärkung der eigenen Industrie, sagt Alexander Bercht im Interview mit Bernd Kupilas.

Alexander Bercht ist Mitglied im geschäftsführenden Hauptvorstand der IGBCE.

Foto: Stefan Koch

Alexander, du blickst kritisch auf China. Warum?

China betreibt eine unfaire Handelspolitik, die wir so nicht länger akzeptieren können. Das Land subventioniert seine Industrie massiv und produziert Überkapazitäten. Mit diesen Waren flutet China dann die europäischen Märkte. Das betrifft den Stahl, die Chemie, aber auch Aluminium, Photovoltaik, Batterien, Elektrofahrzeuge – und das zu Preisen, die teils bis zu 40 Prozent unter europäischem Kostenniveau liegen. Dahinter steckt eine Strategie. Zugleich schotten sich die USA ab – was China zusätzlich animiert, die Warenströme nach Europa umzulenken. Für unsere eigene Chemieindustrie und die Grundstoffbranchen im Bereich der IGBCE ist diese Politik höchst gefährlich. Es drohen weitere Verluste von Arbeitsplätzen und industrieller Wertschöpfung Das geht so nicht. Wir brauchen eine Antwort.

Wie kann diese Antwort aussehen?

Sie muss in jedem Fall europäisch sein. Nur durch eine geschlossene Antwort und mit einem starken europäischen Binnenmarkt mit seinen 450 Millionen Menschen im Rücken kann die EU den unfairen Praktiken Chinas etwas entgegensetzen, zum Beispiel durch mehr Handelsschutz. Im Rahmen unserer Aktion ‚Leg die Finger in die Wirtschaftswunde‘ fordern wir als IGBCE, dass die EU starke Instrumente in die Hand bekommt und sie entschlossen nutzt. Zum Beispiel muss sie klare Vorgaben für sogenannten Local Content – also für heimische Produktion – machen. Wer Steuergeld für den Umbau der Industrie bekommt oder von Steuererleichterungen profitiert, muss im Gegenzug Arbeitsplätze in Deutschland und Europa sichern und sich klar zu Tarif und Mitbestimmung bekennen.

Müssen wir uns vor China abschotten?

Das wäre die falsche Antwort, und es wäre auch unrealistisch. China ist für uns zwar ein Rivale, aber eben auch einer der wichtigsten Wirtschaftsräume der Welt. Von einer globalen Aufgabenteilung profitieren alle Seiten – solange sie fair ist. Wir in Europa brauchen die Weltmärkte, wir haben die Technologie und die gut ausgebildeten Fachkräfte, um weltweit erfolgreich zu sein und Wohlstand zu sichern. Mit einem schlagkräftigen Handelsschutz und eigenen Innovationen können wir die Kräfteverhältnisse ein Stück wieder zurechtrücken. Aber das allein reicht nicht.

Europa muss resilienter werden und Abhängigkeiten von China verringern.

Alexander Bercht

Was brauchen wir noch?

Neben mehr Schutz brauchen wir dringend eine Stärkung der eigenen Industrien: eine europäische Lösung für Energiepreise, Emissionshandel und Investitionsförderung. Statt Transformation der Industrie in Europa sehen wir leider viel zu oft Verlagerung aus Europa heraus. Diese Entwicklung muss gestoppt werden. In einer Welt, die unberechenbarer geworden ist, müssen wir unsere heimische Industrie entschlossener verteidigen. „Made in Germany“ und „Made in Europe“ bedeuten nicht nur Wohlstand, sondern auch Sicherheit. Gute Industriearbeitsplätze sind die Basis für stabile Sozialversicherungen, für Tariflöhne und Wohlstand in den Regionen. Europa muss resilienter werden und Abhängigkeiten von China verringern. Wenn es sein muss, müssen wir den Chinesen deutlich machen, dass auch wir ihnen wehtun können.

Wie meinst du das?

Es ist ja nicht nur so, dass wir auf China angewiesen sind, was zum Beispiel bei Seltenen Erden der Fall ist. Auch in Europa sitzen strategisch bedeutsame Unternehmen, die für China unverzichtbar sind. Ein Beispiel ist ASML in den Niederlanden. Das Unternehmen stellt Maschinen her, die man für die Produktion von Halbleitern braucht, und hat einen Marktanteil von 90 Prozent. Auch in der Spezialchemie, im Anlagenbau und bei bestimmten Schlüsseltechnologien ist China auf Europa angewiesen. Kurz: Wir können zwar nicht ohne China – aber China auch nicht ohne uns.

Dein Fazit?

Die Lage ist keineswegs aussichtslos. Europa kann sich in diesem Streit behaupten – wenn wir politisch entschieden handeln, und zwar schnell. Wir müssen unsere Abhängigkeiten reduzieren, ohne uns selbst zu isolieren. Wir brauchen eine starke Industrie in Deutschland und in Europa, die gute Arbeit schafft und unsere Souveränität schützt. Das passiert aber nicht von alleine. Diese Interessen müssen wir durchsetzen, gegenüber China, aber auch gegenüber den USA.