Portrait

August | September 2026

Langer Atem und Disziplin: Was Andreea Schade beim Taekwondo gelernt hat, hilft ihr auch bei der Betriebsratsarbeit.

Foto: Vanessa Aschenbrenner

Mit Herz, Haltung und Netzwerk

Die Betriebswahlen im Mai 2026 stellten Andreea Schade vor eine schwierige Entscheidung: „Soll ich mich als Betriebsrätin freistellen lassen?“ Denn neben gewerkschaftlichem Engagement und betrieblicher Mitbestimmung liegt ihr auch viel an ihrem „spannenden Job mit interessanten Aufgaben in einem tollen Team“.

Die Diplom-Ökonomin mit rumänischen Wurzeln arbeitet beim Medizintechnologieunternehmen B. Braun im nordhessischen Melsungen. Rund 7500 Beschäftigte arbeiten mit ihr an diesem Standort des Konzerns, weltweit sind es mehr als 64.000. Als Senior Managerin Regulatory Affairs ist Andreea Schade zum Zeitpunkt der Betriebsratswahl für die weltweite Zulassung von Medizinprodukten im Bereich der Regionalanästhesie zuständig.

Nach einigen schlafarmen Nächten entschied sich die überzeugte Gewerkschafterin für die Freistellung. In vier Jahren „können wir schließlich eine ganze Menge bewegen und gestalten“, begründet sie ihre Entscheidung, zumal sie auf das KAAT-Netzwerk zählen kann, das die kaufmännischen, akademischen und außertariflich beschäftigten IGBCE-Mitglieder miteinander vernetzt.

Diese Beschäftigtengruppen „sind sowohl im Betriebsrat als auch in der Gewerkschaft deutlich unterrepräsentiert“, sagt Schade. „Das will ich ändern.“ Denn auch diese Kolleginnen und Kollegen brauchen schließlich gute Arbeitsbedingungen, Wertschätzung und Mitbestimmungsmöglichkeiten. Das weiß Schade aus eigener Erfahrung. Die 50-Jähige ist eine der wenigen außertariflich Beschäftigten in dem 35-köpfigen Betriebsratsgremium bei B. Braun in Melsungen.

„Viele aus dem akademischen und kaufmännischen Bereich agieren als Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer und engagieren sich deutlich weniger als ihre Kolleginnen und Kollegen aus der Produktion für ihre Interessen“, sagt Schade. Das müsse besser werden: Interessenvertretung und Mitbestimmung leben schließlich von Beteiligung. Wer sich vernetzt, wird sichtbarer; wer gemeinsam spricht, wird besser gehört. Dazu möchte Schade motivieren.

Als Betriebsrätin braucht es Durchhaltevermögen, Disziplin, Schnelligkeit und Konzentration aufs Wesentliche.

Andreea Schade

Seit 2021 entwickeln die KAAT-Expertinnen und -Experten zielgruppengerechte Seminare und Weiterbildungsangebote, Vernetzungsmöglichkeiten und Rechtsberatung für Beschäftigte aus kaufmännischen, akademischen und außertariflichen Bereichen. Mit diesen Angeboten reagiert die IGBCE auf eine Arbeitswelt, die digitaler, komplexer und globaler geworden ist – und „in der Solidarität neue Formen braucht“, erzählt Andreea Schade.

Ihr eigener Berufsweg begann weniger global und digital. Nach ihrem Abitur in Kassel 1995 machte sie eine Ausbildung zur Erzieherin. „Ein sinnstiftender Beruf – aber ich konnte mir nur schwer vorstellen, diesen Job bis zum Rentenalter auszuüben.“ Sie studierte Wirtschaftswissenschaften an der Uni in Kassel mit dem Schwerpunkt Unternehmensgründung und internationales Management – und war nicht nur in der Theorie aktiv: Während ihres Studiums gründete sie mit Kommilitonen und zwei Professoren eine Biotechnologiefirma. Weil sich nicht genügend Investoren fanden, bewarb sie sich um eine Festanstellung. 2005 klappte das bei B. Braun. Dort gefiel es Schade – sie blieb.

2010 trat sie in die Gewerkschaft ein und engagierte sich „mit Herzblut“ zunächst als ehrenamtliche IGBCE-Vertrauensfrau im Betrieb. Sie erlebte, wie wichtig Nähe zu den Beschäftigten ist: „Sorgen, Nöte und Interessen werden im direkten Gespräch unmittelbar sichtbar.“ Ihre Rolle begreift sie als Bindeglied zwischen Beschäftigten und Betriebsrat. 2022 wählten ihre Kolleginnen und Kollegen sie erstmals auch in dieses Gremium.

Ihre Aufgabe als freigestellte Betriebsrätin geht sie mit vollem Einsatz an. Doch sie hält an ihrer Maxime fest: „Arbeit ist Arbeit, privat ist privat.“ In ihrer Freizeit tanzt sie mit ihrer 13-jährigen Tochter Flamenco im Verein. Ihr größtes Hobby ist seit mehr als drei Jahrzehnten Kampfsport: Taekwondo. Den roten Gürtel hat sie bereits, der schwarze bleibt ihr Ziel. „Was ich beim Taekwondo gelernt habe, hilft mir auch als Betriebsrätin sehr“, sagt Andreea Schade. „Auch da braucht es Durchhaltevermögen, Disziplin, Schnelligkeit und Konzentration aufs Wesentliche.“

Volker Wartmann