Qualifizierung ist bei der Steag Iqony Group in Essen jetzt auch für Frauen in Teilzeit möglich. Christian Skibbe und Verena Peters (Mitte) haben das BR-Projekt auf den Weg gebracht, das nun von Nadine Stang koordiniert wird.
Foto: Andreas Teichmann
Die Belegschaft gewinnt in jedem Fall
Im September werden beim Betriebsräteforum #BR26 die Betriebsräte-Oscars vergeben. Unter die Nominierten haben es auch zwei Betriebe aus den Branchen der IGBCE geschafft. Kathryn Kortmann stellt die Projekte vor, mit denen die Betriebsräte der Steag Iqony Group in Essen und der Arkema in Leuna ins Rennen gegangen sind.
Die Steag Iqony Group mit Hauptsitz in Essen ist einer der größten Energieerzeuger in Deutschland. Vom klassischen Steinkohlekraftwerksbetreiber hat sich das Unternehmen längst zu einem modernen Energie- und Klimatechnikkonzern gemausert. Von den rund 920 Beschäftigten am Standort ist ein Sechstel weiblich. Ein hoher Anteil von ihnen arbeitet – meist aus familiären Gründen wie Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen – in Teilzeit. Und hat damit, obwohl oft hochqualifiziert, schlechtere Chancen, die Karriereleiter zu erklimmen. „Das muss anders werden“, befand Verena Peters, Betriebsrätin am Standort in Essen. „In einem modernen Unternehmen müssen auch moderne Arbeitsbedingungen mit gleichen Aufstiegschancen für alle gelten – unabhängig von Geschlecht und Arbeitszeitmodell.“
Das war 2024. Heute, zwei Jahre später, ist aus ihrer eher nüchternen Bestandsaufnahme ein erfolgreiches Projekt geworden, „das ziemlich schnell an Eigendynamik gewonnen hat und in Teilen sogar zu einem Selbstläufer geworden ist“, erzählt Betriebsrat Christian Skibbe. Mit ihm, der in der Abteilung Human Resources (HR) für Talentmanagement zuständig war, hatte Verena Peters einen ersten starken Mitstreiter für ihr Anliegen begeistert, der nicht nur die Mitbestimmungsgremien im Unternehmen sowie den Aus- und Fortbildungsausschuss von der Notwendigkeit des Handelns überzeugte, sondern auch die HR-Leitung.
Ganztägige Seminare sind für Teilzeitkräfte kaum zu realisieren, weil sie nebenher ja auch noch ihre Care-Arbeit leisten müssen.
Christian Skibbe
Mit dem Bochumer Helex-Institut, das zu den Themen Arbeit, Beschäftigung und Arbeitsmarktpolitik forscht, holten sich die Initiatoren dann auch fachliche Expertise an Bord, um während eines einjährigen Forschungsprojekts die Voraussetzungen für erfolgreiche Weiterbildungsmaßnahmen für Frauen in Teilzeit an ihrem Standort zu identifizieren. Noch während der Projektphase von „Q-FiT“ (Qualifizierung von Frauen in Teilzeit) ergriffen die Frauen bei der Steag Iqony Group selbst die Initiative und gründeten nach Vorstellung des Projekts anlässlich des Internationalen Frauentags 2025 ein Frauennetzwerk. „Rund 40 Kolleginnen kamen zur Kick-off-Veranstaltung“, erzählt Christian Skibbe. Inzwischen haben sich dem Netzwerk schon mehr als 120 Frauen angeschlossen, Tendenz steigend. Sie treffen sich zum Stammtisch, organisieren Frühstücksdialoge oder bearbeiten in Workshops die Themen, die sie bewegen. Für Christian Skibbe ist das ein sicheres Indiz dafür, „dass wir mit dem Projekt den Nagel auf den Kopf getroffen haben“. Was sie sich von dem Netzwerk erwarteten, hatten die Frauen zuvor in einer Umfrage formuliert: Austausch und Vernetzung mit Kolleginnen im Konzern, gegenseitige Unterstützung und Lernen voneinander sowie Sichtbarkeit und Stärkung von Frauen im Unternehmen.
Das boomende Netzwerk ist aber nur ein Ergebnis des Projekts, das der Steag-Betriebsrat angestoßen hat. „Im Kern ging es uns um Qualifizierungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten für Frauen in Teilzeit“, sagt Christian Skibbe, „ganztägige Seminare sind für Teilzeitkräfte kaum zu realisieren, weil sie nebenher ja auch noch ihre Care-Arbeit leisten müssen.“ Aber auch dafür haben die Steag Iqony Group-Betriebsräte gemeinsam mit dem Helex-Institut eine Lösung gefunden. Statt ganz- oder mehrtägig fand ein erstes Seminar im Juni so statt, dass die Seminarteilnehmerinnen an drei Montagen in Folge online an Schulungen teilgenommen haben. Ein Vorgehen, das gleich zwei große Vorteile hat. Das Seminar war nicht nur für Teilzeitkräfte attraktiv, sie konnten das theoretisch Gelernte auch gleich an den folgenden Tagen bis zum nächsten Modul praktisch ausprobieren. „Gestartet sind wir praktischerweise mit einem Angebot zum Zeit- und Selbstmanagement, das auf unsere Teilzeitlerinnen perfekt zugeschnitten war und aus dem sie sofort Nutzen ziehen konnten“, erzählt Nadine Stang. Die Kollegin aus dem HR-Talentmanagement hat inzwischen die Projektleitung und die Koordinierung von Qualifizierung und Frauennetzwerk von Christian Skibbe übernommen.
Das Seminar kam an, im Nu waren alle Plätze vergeben. Auch sonst zeigt die Resonanz auf das Projekt, „dass wir auf dem richtigen Weg sind und zu einer anderen Wahrnehmung von Gleichstellungsthemen beitragen“, sagt Skibbe, seit März freigestellter Betriebsrat. Dass es letztlich einen langen Atem braucht, damit auch Frauen in Teilzeit reelle Chancen haben, die Karriereleiter zu erklimmen, ist ihm bewusst. „Dafür braucht es auch eine Art Kulturwandel“, sagt er. Der Betriebsrat hat sich dieses Vorhaben für die neue Amtszeit auf seine Fahnen geschrieben – und geht dabei mit gutem Beispiel voran. 7 der 13 Mandate gingen bei der Wahl im Frühjahr an Frauen, darunter auch Kolleginnen in Teilzeit.
Viele Kolleginnen und Kollegen haben in ihrer Freizeit nur eingeschränkte Möglichkeiten, Angebote zur Prävention zu nutzen.
Anke Jankowski
Prävention ohne Wartezeit
Ortswechsel. Im Chemiepark Leuna produzieren 45 Beschäftigte für den französischen, international agierenden Chemiekonzern Arkema jährlich bis zu 80.000 Tonnen Wasserstoffperoxid. Das Mittel wird zum Beispiel in der Papier- und Zellstoffindustrie oder für Medizinprodukte in der Pharmabranche benötigt. Die Arbeit in unterschiedlichsten Arbeitszeitmodellen ist anstrengend – körperlich und mental. Gesundheitsvorsorge ist umso wichtiger. „Viele Kolleginnen und Kollegen haben aber in ihrer Freizeit nur eingeschränkte Möglichkeiten, solche Angebote zur Prävention zu nutzen, sie müssen lange Anfahrtswege in Kauf nehmen oder lange Wartezeiten“, sagt Anke Jankowski, seit zwölf Jahren Betriebsratsvorsitzende, „deshalb haben wir uns da etwas einfallen lassen.“
Das, was sie sich ausgedacht haben, ist eine Betriebsvereinbarung mit dem Arbeitgeber über Prävention. Die schafft seit Anfang 2026 einen rechtlichen und organisatorischen Rahmen für gesundheitliche Prävention der Belegschaft auch während der Arbeitszeit direkt im Unternehmen oder beim werksärztlichen Dienst im Chemiepark Leuna. Eingesetzt haben die Betriebsräte dafür bislang nicht verwendete Gelder aus dem Tarifvertrag Lebensphasengerechte Arbeitszeitgestaltung Tarif Ost, kurz LephA. Den gibt es bereits seit 2015. LephA schafft auf verschiedene Weise Entlastung, unterstützt bei Arkema zum Beispiel bei Kindererziehungs- oder Pflegezeiten oder ermöglicht Schichtarbeitenden ab 40 Jahren und Tagschichtbeschäftigten ab 55 Jahren die Reduzierung ihrer Arbeitszeit. Weil sich Rahmenbedingungen bei den Entlastungen geändert haben, blieb Geld übrig – rund 400 Euro für jeden Beschäftigten.
„Wir haben beim werksärztlichen Dienst nachgefragt, was sie uns an Prävention für dieses Geld anbieten können“, erzählt Anke Jankowski. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: „Eine ganze Menge.“ Oder konkreter: Großes Blutbild, Abklärung von Schilddrüsenwerten, Check von Herz-Kreislauf-Funktionen, Krebsvorsorge von Darm, Blase und Prostata oder Ultraschall der Schilddrüse, Bauch- und Halsgefäße. Die Untersuchungen, auch das regelt die Betriebsvereinbarung, erfolgen vertraulich, die Untersuchungsergebnisse bekommen die Beschäftigten per Post nach Hause gesandt, nur bei auffälligen Ergebnissen setzt sich der Arzt persönlich mit ihnen in Verbindung und berät über weitere Schritte. „Das Angebot hat eingeschlagen“, resümiert Anke Jankowski. Nahezu alle Kolleginnen und Kollegen haben das Angebot bereits in der ersten Jahreshälfte in Anspruch genommen. „Unsere Betriebsvereinbarung zeigt, dass der Bedarf da ist und dass Vorsorge auch in Unternehmen möglich ist. Letztlich profitieren davon wirklich alle – Beschäftigte und Arbeitgeber.“