Interview

Juni | Juli 2024

Wir überlassen Europa nicht seinen Feinden

Warum Europa ihm eine Herzensangelegenheit ist und welche Probleme die Europäische Union jetzt stemmen muss, erklärt Alexander Bercht im Interview mit Bernd Kupilas.

Alexander Bercht ist Mitglied im geschäftsführenden Hauptvorstand der IGBCE.

Foto: Stefan Koch

Alexander, bist du überzeugter Europäer?

Ja, mit Leib und Seele.

Klingt fast so, als würdest du in Europa-Bettwäsche schlafen.

(lacht) Gute Idee. Wer schläft nicht gerne unter Sternen? Aber im Ernst: Europa ist eine Errungenschaft, die gerade wir Jüngeren – wenn ich mich mit 45 noch dazuzählen darf – zu lange als Selbstverständlichkeit angesehen haben. Das Brexit-Chaos, die Grenzschließungen in der Pandemie und jetzt der Ukraine-Krieg führen uns vor Augen, dass vieles eben nicht selbstverständlich ist.

Was genau lässt dich so überzeugt sein?

Europa ist ein Friedensprojekt, gegründet nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Meine Eltern sind beide noch im Krieg geboren. Sie sind als Kinder in einem Land aufgewachsen, das in Trümmern lag, das moralisch und wirtschaftlich bankrott war. Im vergangenen Jahr war ich in der Ukraine. Ich habe da junge Gewerkschaftsmitglieder kennengelernt, die sich genau nach dem Frieden und den Freiheiten sehnen, die uns durch die europäische Einigung ermöglicht wurden. Das hat mich sehr nachdenklich gemacht. Es macht mich aber auch entschlossen, dafür einzutreten, dass meine beiden Söhne in einem geeinten und lebenswerten Europa aufwachsen können und wir ihnen nicht ein Europa hinterlassen, das der Generation meiner Eltern hinterlassen wurde.

Also ist alles gut in Europa?

Keineswegs. Nationale Egoismen treiben die EU immer wieder auseinander. Dies untergräbt bei vielen das Vertrauen, dass Europa die großen politischen Herausforderungen unserer Zeit wirklich lösen kann. Eine Jugendstudie hat vor kurzem gezeigt, dass die wachsenden materiellen Sorgen junger Menschen auch dazu führen, dass antieuropäische Kräfte unter jungen Menschen verstärkt Zulauf haben. Die Verantwortung dafür kann man nicht in Brüssel allein abladen. Der Aufgabe, wieder für mehr Zuversicht zu sorgen, muss sich die Politik insgesamt stellen.

Was hat die EU mit den Betrieben zu tun?

Eine ganze Menge. Die EU ist der mit Abstand wichtigste Markt für die Unternehmen unseres Organisationsbereichs, ganz gleich welcher Branchen. Die industriepolitischen Rahmenbedingungen werden immer stärker in Brüssel bestimmt. Wenn einem egal ist, was in Brüssel passiert, kann das ganz schnell ein böses Erwachen geben.

Stimmt der politische Rahmen?

Wir sehen einen großen Umbruch auf der Welt. Die USA und China kämpfen verbissen um ihre industrielle Bedeutung in der Weltwirtschaft von Morgen. Und dieser Kampf wird mit harten Bandagen ausgetragen, weil beide Länder genau wissen, dass erfolgreiche Industriepolitik über ihren zukünftigen Wohlstand entscheidet. Es liegt auf der Hand, dass wir ohne ein starkes und geeintes Europa hier schnell unter die Räder kommen. Die europäische Wirtschaftspolitik hat sich lange sehr stark darauf konzentriert, die Wettbewerbsspielregeln innerhalb des europäischen Binnenmarkts zu gestalten. Angesichts der Veränderungen in der Welt dürfen wir nicht nur den Blick nach innen richten, sondern müssen uns viel stärker darum kümmern, dass wir eine erfolgreiche Industrie mit guten Arbeitsplätzen in Europa halten können. Wir brauchen eine starke Chemieindustrie in Deutschland und Europa. Wir brauchen eine starke Industrieproduktion für wichtige Schlüsseltechnologien aus dem Pharma- und Halbleiterbereich oder im Bereich der Klimaschutztechnologien.

Was könnte noch in der EU besser laufen?

Als Gewerkschafter wünsche ich mir noch mehr europäische Politik für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Beschäftigten. Wir sind der festen Überzeugung, dass Europa mehr Tarifbindung braucht und bessere Rechte für Betriebsräte auf europäischer Ebene. Die entsprechende Richtlinie ist auf einem guten Weg, wurde aber noch nicht verabschiedet. Jetzt wird es auf die Mehrheitsverhältnisse im neu gewählten Parlament ankommen, ob wir hier weiter vorankommen oder nicht. Als IGBCE sind wir dank guter politischer Kontakte nach Brüssel in diesen Prozess involviert und werden ihn weiter vorantreiben.

Dein Fazit?

Ich finde es ermüdend, dass vor Europawahlen immer die Frage aufgeworfen wird, ob wir Europa tatsächlich brauchen. Das liegt klar auf der Hand. Und wer mit europäischer Politik unzufrieden ist, muss sie verändern, nicht abschaffen.

Wir überlassen Europa nicht seinen Feinden, wir gestalten es.