Foto: Jürgen Lösel
„Wie im Schleudergang“
Wie gehen Betriebsräte mit Existenzkrisen ihres Betriebs um? Domo Chemicals droht das Aus für seine drei Standorte in Ostdeutschland. Dann kam unverhoffte Hilfe: Das Bundesland Sachsen-Anhalt ordnete trotz Insolvenz die Weiterführung im Minimalbetrieb an – zur Gefahrenabwehr. Wie Betriebsrat und Beschäftigte zusammen mit der IGBCE für ihre Arbeitsplätze kämpfen, hat Betriebsratsvorsitzender Alexander Busch Kathryn Kortmann erzählt.
Zur Person:
Alexander Busch (43) ist seit zwölf Jahren Mitglied im Betriebsrat bei Domo Chemicals in Leuna und seit acht Jahren Vorsitzender. Nicht nur bei den aktuellen Ereignissen ist er froh, die IGBCE an seiner Seite zu haben.
Alexander, wie ist die Stimmung bei euch im Betrieb?
Das ist eine komplexe Frage. Die Antwort fällt je nach Standpunkt der Kolleginnen und Kollegen anders aus. Die einen haben große Zukunftsängste, da ist auch in den Gesprächen ganz viel Unsicherheit und Sorge zu spüren. Andere gehen unbekümmerter und zuversichtlicher mit der Situation um. Dazu gehöre ich eigentlich auch. Aber zur Wahrheit gehört eben auch, dass ich mich als Betriebsrat manchmal etwas ohnmächtig fühle, weil ich die vielen Fragen, mit denen unsere Belegschaft auf mich zukommt, zum jetzigen Zeitpunkt einfach nicht beantworten kann. Einerseits, weil das für mich als Betriebsrat auch eine neue Erfahrung ist. Und andererseits, weil es Stand jetzt (Anmerkung der Redaktion: das Interview fand Mitte März statt) wirklich immer noch nicht klar ist, wie es mit der Domo weitergeht. Insgesamt ist es sicher nicht falsch, zu sagen, die Lage ist schwierig, richtig schwierig.
Gab es im Vorfeld keinerlei Anzeichen, dass eine Insolvenz droht?
Ja und nein. Die Herausforderungen, mit denen nicht nur wir zu kämpfen haben, sind jedem bekannt: hohe Energiepreise oder die Dumpingpreise, mit denen chinesische Produkte unsere Märkte fluten, um zwei Beispiele zu nennen. Das hat enorme Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit auch bei uns. Überrascht hat uns die Insolvenz dann aber doch, weil es für unseren Standort eigentlich einen Businessplan gab, der tragfähig zu sein schien und funktionierte. Wir haben als Betriebsrat in den vergangenen Jahren aber auch das Management immer wieder darauf hingewiesen, wenn uns strategische Entscheidungen nicht sinnvoll erschienen.
Blicken wir mal chronologisch auf die Ereignisse. Im Januar wurdet ihr mit der Insolvenz eures Unternehmens konfrontiert …
… was uns einen gewaltigen Schlag in die Magengrube versetzt hat. Wir waren im Grunde davon überzeugt, in einem wirtschaftlich tragfähigen Unternehmen zu arbeiten. Und dann wurde uns gesagt, dass quasi von heute auf morgen Schluss sein soll. Wenige Wochen später gab es dann wieder eine Rolle rückwärts, weil das Bundesland Sachsen-Anhalt den Minimalbetrieb trotz Insolvenz angeordnet hat. Innerhalb weniger Tage ging es hin und her. Wir haben uns wie im Schleudergang einer Waschmaschine gefühlt.
Wenn bei Domo die Lichter ausgehen, dann hat das weitreichende Konsequenzen für den gesamten Chemiepark und die Region.
Alexander Busch
Warum wurde der Minimalbetrieb angeordnet?
Aus Gründen der Gefahrenabwendung. Bei den Temperaturen, die im Januar herrschten, konnten die Anlagen nicht einfach so heruntergefahren werden. Insofern hatten wir Glück, dass die Insolvenz im Winter kam. Das hat uns Zeit beschert, nach einem Investor zu suchen. IGBCE, Politik und die anderen Unternehmen hier im Chemiepark lassen nichts unversucht, eine gute Lösung für Domo zu finden. Schließlich steht hier weit mehr auf dem Spiel als der Fortbestand von Domo und der dazugehörigen Arbeitsplätze.
Das musst du erklären. Was steht auf dem Spiel?
Wenn bei Domo die Lichter ausgehen, dann hat das weitreichende Konsequenzen für den gesamten Chemiepark und die Region. Das Ende von Domo würde einen Dominoeffekt nach sich ziehen. Wir arbeiten hier im Stoffverbund. Bedeutet: Was in einem Betrieb entsteht, ist der Rohstoff für den nächsten. Bei der Ansiedlung neuer Betriebe im Chemiepark wurde stets darauf geachtet, dass das neue Unternehmen immer auch einen Mehrwert für die anderen hat.
Kannst du dafür mal ein Beispiel nennen?
Ein Betrieb stellt beispielsweise ein Produkt her, bei dem prozessbedingt viel Dampf entsteht. Den wiederum braucht die Anlage einer anderen Firma für ihre Produktion. Das ist hier alles automatisiert. Fällt ein Rädchen, also eine Firma aus, stockt das ganze Getriebe. In diesen Fällen entstehen automatisch finanzielle Mehrausgaben für Transport, Logistik und Einkauf, was sich ebenfalls auf die Produktionskosten auswirkt. Mit anderen Worten: Ohne uns wird auch für die anderen vieles teurer – und sich womöglich nicht mehr wirtschaftlich betreiben lassen.
Wie kämpft ihr um eure Standorte?
Als Gewerkschafter machen wir uns durchaus Gedanken über die eine oder andere Aktion, allerdings braucht es dafür auch einiges an Fingerspitzengefühl. Wir wollen ja nicht mit Schnellschüssen mögliche Investoren abschrecken. Nur so viel: Wir planen Aktionen – und hoffen gleichzeitig, dass sie nicht zur Anwendung kommen müssen, weil sich vielleicht doch noch alles zum Guten wendet.
Die IGBCE lässt nichts unversucht, um Domo und die rund 585 Arbeitsplätze zukunftsfähig aufzustellen.
Alexander Busch
Wie geht ihr als Betriebsrat mit der Situation um?
Für uns als Betriebsrat ist es in dieser Insolvenzsituation tatsächlich schwierig, Einfluss zu nehmen. Trotzdem beschäftigt uns das Thema eigentlich rund um die Uhr, auch weil die Kolleginnen und Kollegen sich ja mit ihren Fragen an uns wenden. Wir bemühen uns, um eine möglichst transparente Kommunikation. Die spärlichen Informationen, die wir haben, geben wir weiter. Und ganz nebenbei kümmern wir uns um das übliche Tagesgeschäft eines Betriebsrats. Zu all dem bereiten wir außerdem die Betriebsratswahlen vor, die Mitte April stattfinden. Zum Glück sind wir mit alldem ja nicht allein. Wir haben eine starke Gewerkschaft an unserer Seite. Die IGBCE lässt nichts unversucht, um Domo und die rund 585 Arbeitsplätze zukunftsfähig aufzustellen.
Wie unterstützt euch die IGBCE dabei?
Sie macht zum Beispiel ihren Einfluss in der Politik geltend, sowohl auf bundesdeutscher Ebene als auch im Europaparlament in Brüssel. Sie hat weitreichende Kontakte, die angespitzt werden, um eine tragfähige Lösung zu finden. Schließlich geht es ja auch für die Politik um viel, denn die chemische Industrie ist eine der tragenden Säulen der deutschen Wirtschaft. Die IGBCE sorgt auch dafür, dass unsere Lage sichtbar wird. So sind wir beispielsweise schon vor der Insolvenz vor dem Europaparlament in Brüssel auf die Straße gegangen oder wir haben mit einer großen Demo in Leuna für den Brückenstrompreis Dampf gemacht. Und dann ist da auch noch das große Netzwerk, das uns die IGBCE bietet. Wir sind in ständigem Austausch mit Betriebsräten aus anderen Unternehmen, die oft in ähnlichen Situationen stecken. Da ist viel Know-how vorhanden, das vielleicht nicht die Lösung für das große Problem bietet, aber hilft, an kleinen Stellschrauben zu drehen. Das kann manchmal schon entscheidend sein.