Sensibilisiert und gestärkt für das, was kommt: Harald Feist und Andrea Püttcher, Betriebsräte bei Symrise in Holzminden, haben viele Anregungen aus dem Workshop zur Transformationsberatung gezogen.
Foto: Heiko Meyer
Vor die Welle kommen
Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Restrukturierung: Die Bandbreite dessen, was sich hinter dem Begriff Transformation versteckt, ist riesig – und verlangt Betriebsräten einiges ab. Aber damit sind sie nicht allein. 2025 hat die IGBCE das Kompetenznetz Transformationsberatung ins Leben gerufen. Wie diese Beratung funktioniert, haben die Kolleginnen und Kollegen aus vier Betrieben Kathryn Kortmann erzählt.
Bei Symrise in Holzminden ist dieser Tage einiges in Bewegung – und zugleich steht vieles auf dem Prüfstand. Beim weltweit agierenden Hersteller von Duft- und Geschmacksstoffen mit Hauptsitz im niedersächsischen Holzminden wird gerade „alles auf Rentabilität geprüft“, sagt Harald Feist, „das könnte auch weitreichende Folgen für einen Teil der Produktion an unserem Standort haben“. Zum Zeitpunkt, als er dies erzählt, ist er noch Betriebsratsvorsitzender. Noch, weil der 63-Jährige bei der diesjährigen Wahl wie auch einige seiner Kolleginnen und Kollegen nicht mehr kandidiert. „Transformation“, sagt die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Andrea Püttcher, „findet bei Symrise aktuell nicht nur im Unternehmen statt, sondern auch im Betriebsrat.“
Für diese doppelte Transformation kam das Angebot des noch jungen IGBCE-Kompetenznetzes für den zweitägigen Workshop „Check in: Zukunft“ (CiZ) gerade recht. „Wir sind nicht mit einem konkreten Problem in den Workshop gestartet“, erzählt Andrea Püttcher, „sondern mit dem Ziel, die Betriebsratsmitglieder, die sich wieder zur Wahl stellen, zu sensibilisieren.“ Für die künftigen Herausforderungen, die auf das neue Gremium im Zuge möglicher Umstrukturierungen zukommen, aber auch für die „scharfen Schwerter, die die Mitbestimmung uns in die Hand gibt“, erklärt die 48-Jährige. Die Wichtigkeit des Wirtschaftsausschusses etwa sei vielen an diesen zwei Tagen noch einmal richtig bewusst geworden.
Im Workshop haben die Teilnehmenden neue Herausforderungen identifiziert: Die Verwaltung wird zunehmend digitalisiert und die Ausbildungsberufe brauchen ein Update. Davon ausgehend haben die Betriebsratsmitglieder gemeinsam mit den zwei Workshopleitenden an ganz konkreten kurz- bis langfristigen Zielen gearbeitet, die das neue Gremium nach seiner Wahl angehen will. Kurzfristig stehen zum Beispiel die Verhandlungen um einen neuen Haustarifvertrag und die Verlängerung der Erfolgsbeteiligung für Tarifbeschäftigte auf der Agenda. Mittel- und langfristig, so der Plan, setzt der Betriebsrat alle ihm zur Verfügung stehenden Hebel in Bewegung, um den Standort zu sichern. „Generell sperren wir uns nicht gegen Veränderungen“, sagt Harald Feist, „aber wir legen großen Wert darauf, diese im Sinne unserer Kolleginnen und Kollegen zu begleiten.“ Der Workshop im Februar, so Feist und Püttcher unisono, „hat einen guten Grundstein für die zukünftige Betriebsratsarbeit gelegt“.
Wir wollen den Standort Gelnhausen in die Zukunft führen – trotz unserer vielen eher düster klingenden Befürchtungen.
Jens Habermehl
Fokus auf alternative Lösungen
Mit einem ganz konkreten Ziel ist der Betriebsrat von Veritas in den Workshop zur Transformationsberatung gegangen. „Wir wollen den Standort Gelnhausen in die Zukunft führen – trotz unserer vielen eher düster klingenden Befürchtungen“, sagt der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Jens Habermehl. Den Kolleginnen und Kollegen stecken 50 Monate Insolvenz in den Knochen, erst seit Juli 2024 haben die meisten Veritas-Standorte einen neuen Eigentümer. Ob auch der Standort Gelnhausen, an dem vor Corona noch bis zu 2400 Beschäftigte inklusive Leihbeschäftigte tätig waren, Zukunft hat, ist ungewiss. Der Automobilzulieferer im hessischen Main-Kinzig-Kreis ist vor allem Spezialist für Fluidtechnik, primär Dieseltechnik – und damit nicht mehr „an vorderster Stelle in der Gunst der Endverbraucher“.
Die anderen Geschäftsfelder von Veritas in Gelnhausen, Tankklappen oder Halter für Batterien zum Beispiel, seien zu klein, um den Standort für die derzeit dort noch 500 Kolleginnen und Kollegen zukunftsfähig aufzustellen. „Mit diesem Bauchgefühl sind wir in den Workshop gegangen“, berichtet Habermehl. Im Workshop erhielten sie die Bestätigung, „dass das Nischendasein in der Dieseltechnik für die 500 Beschäftigten in Gelnhausen nicht ausreichen wird“. Auch wenn die Geschäftsführung die Dieselnische weiter als Problemlösung anpreist.
Eigentlich „bittere Erkenntnisse“, doch für Jens Habermehl und sein Betriebsratsteam sind sie der Anlass, um auf alternative Lösungen zu drängen. Gemeinsam mit den Referenten des Workshops schauten sich die Betriebsratsmitglieder Best Practice-Beispiele aus anderen Unternehmen an und überlegten, was sich davon bei Veritas in Gelnhausen umsetzen ließe. „Da waren gute Ansätze und Ideen dabei“, sagt Jens Habermehl, der „aus strategischen Gründen“ noch nicht konkreter werden kann. Dass er optimistischer aus dem Workshop rausgegangen ist, als er reingegangen ist, verrät der 47-Jährige dann doch.
Uns war wichtig, uns gleich bei den ersten Anzeichen eines aufziehenden Sturms für das zu wappnen, was da möglicherweise auf uns zukommt.
Matthias Tote
Prall gefüllter Werkzeugkoffer
Das ging auch Matthias Tote so. Der Betriebsratsvorsitzende von Benecke-Kaliko in Hannover, einer Tochter der Contitech, hat neben jeder Menge Motivation auch einen „gut gefüllten Werkzeugkoffer an Handlungsoptionen mit aus dem Workshop genommen“. Für sich und seine 14 Betriebsratskolleginnen und -kollegen hatte er den CiZ-Workshop des IGBCE-Kompetenznetzes gebucht. Die Automobilindustrie kriselt, die aktuell schlechte Marktlage und die Transformation in dieser Branche ist auch beim weltweit führenden Hersteller von Kunstleder für die Innenausstattung der Karosserien bereits zu spüren.
„Uns war wichtig, uns gleich bei den ersten Anzeichen eines aufziehenden Sturms für das zu wappnen, was da möglicherweise auf uns zukommt“, erzählt Matthias Tote. Oberstes Ziel ist für den Betriebsrat, „möglichst viele der rund 900 Beschäftigten zu halten“. Dafür, sagt er, „braucht es einen klaren Kopf“, und es sei wichtig, „vor die Welle zu kommen“. Bedeutet: sich so früh wie möglich einen Überblick über Handlungsoptionen der Mitbestimmung zu verschaffen und sich passgenaue Strategien für die Krisenabwehr zurechtzulegen. „Ist die Krise bereits da, ist es eigentlich schon zu spät, weil wir als Betriebsräte dann mit vielen anderen Problemen konfrontiert sind und das Heft des Handelns nicht mehr in der Hand haben“, so Tote. Den Workshop zur Transformationsberatung kann er nur empfehlen, ebenso die „sehr gute Dokumentation der Veranstaltung, die uns schwarz auf weiß noch mal aufgezeigt hat, welche steuernden Instrumente der Betriebsrat hat, um sozialpartnerschaftliche Lösungen zu finden“. Was genau für Lösungen beim Workshop diskutiert wurden, kann aber auch Matthias Tote nicht verraten, nur so viel: Für die anstehenden Verhandlungen mit dem Arbeitgeber fühlt er sich durch die Transformationsberatung gestärkt.
Impulse für das Lausitzer Revier
Für Silke Rudolf ist nach dem Workshop vor dem Workshop. Im Oktober hat sie die zweitägige Klausur in ihrer Funktion als Arbeitnehmervertreterin im Aufsichtsrat der LEAG zusammen mit den anderen Arbeitnehmervertreterinnen und -vertretern besucht und gute Anregungen bekommen, um die die Zusammenarbeit im Kontrollgremium auf ein stabiles Fundament zu stellen. Der Workshop des IGBCE-Kompetenznetzes war so effektiv, dass Silke Rudolf, die auch Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats (GBR) der LEAG-Bergbausparte ist, mit dem neuen GBR nach den Betriebsratswahlen mit einem Check-in: Zukunft in die Legislatur starten will. „Die Klausur wird uns dabei unterstützen, uns als Team aufzustellen und verbindliche Regeln des Miteinanders zu vereinbaren“, sagt die Betriebsrätin. Auch die eigentlichen Herausforderungen der Transformation für die vom Kohleausstieg betroffenen LEAG-Standorte kommen auf die Agenda. Der Workshop, davon ist Silke Rudolf überzeugt, wird uns „weitere Impulse liefern, das Lausitzer Revier im Sinne der Beschäftigten mitzugestalten“.
Mehr Infos: kompetenznetz.igbce.de
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