„Die Tarifwelt entwickelt sich“
Ein Jahr – stolze 650 Tarifverträge: Warum die Zahl der Tarifverträge generell steigt, wie sich die Tariflandschaft ändert, warum das Tarifgeschäft eine grunddemokratische (Herzens-) Angelegenheit ist und was es für eine erfolgreiche Tarifpolitik braucht, erklärt Oliver Heinrich im Interview mit Bernd Kupilas.
Oliver Heinrich ist Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IGBCE.
Foto: Stefan Koch
Oliver, unsere Tarifbilanz für das Jahr 2025 zeigt: Die IGBCE hat innerhalb eines Jahres rund 650 Tarifverträge in etwa 370 unterschiedlichen Tarifrunden abgeschlossen, eine irre hohe Zahl. Wie schafft ihr das?
Wir wundern uns manchmal selbst, was wir so stemmen können (lacht). Tatsächlich sind das beeindruckende Zahlen, die zeigen: Unsere Tarifmaschine IGBCE läuft gut geölt und ist stark unterwegs, sie ist ausdauernd, hoch flexibel und beeindruckend vielseitig. Selbst in einem Jahr ohne eine Tarifrunde in der großen Chemieindustrie, wie das 2025 der Fall war, gestalten wir die Entgelte und Arbeitsbedingungen für fast eine Viertelmillion Beschäftigte. Das ist eine Hausnummer.
Die Zahl der Tarifverträge nimmt zu?
Ja, diesen Trend gibt es. Das hat zum einen damit zu tun, dass wir in den Branchen zunehmend Spezialtarifverträge abschließen, etwa zur Demografie oder zur Altersvorsorge. Zum anderen steigt generell die Zahl der Haustarifverträge, weil Unternehmen Teile abspalten oder ausgründen. Wenn Unternehmen allerdings meinen, sie könnten durch eine Ausgründung aus der Tarifbindung fliehen, haben sie sich geschnitten. Wir sind da hinterher und pochen auf einen Haustarifvertrag.
Das klingt so, als sei Tarifpolitik anstrengender geworden …
Generell kann man sagen: Die Tarifwelt ist differenzierter geworden und hat sich weiterentwickelt. Das macht das Tarifgeschäft insgesamt tatsächlich nicht leichter. Andererseits führt es zu einer insgesamt größeren Vielfalt von passgenauen Tarifwerken und zu tarifpolitischen Innovationen. Wir schließen zum Beispiel zunehmend Tarifverträge zu Mitgliedervorteilen ab oder regeln sie in Manteltarifverträgen. Insgesamt sind es jetzt rund 350 Regelungen zu Mitglieder-Boni. Wer hätte das vor zehn Jahren für möglich gehalten? Die Mühen sind es jedenfalls wert.
Unser Tarifgeschäft ist zutiefst demokratisch organisiert, jede Forderung, jede Verhandlung und jeder Abschluss wird begleitet von einer Tarifkommission.
Oliver Heinrich
Mehr Tarifverträge heißt mehr Tarifbindung?
Nein, die Tarifbindung nimmt tendenziell eher weiter ab, weil die alten, gut organisierten Branchen, etwa die Papierindustrie, die Feinkeramik oder die Schuhindustrie schrumpfen, während neue, wachsende Bereiche wie Labordienste oder die Halbleiterindustrie anfangs erst einmal schlechter organisiert sind. Das liegt in der Natur der Sache. Aber auch da sind wir hinterher und verstärken unsere Bemühungen, die Beschäftigten in neuen Branchen für eine Mitgliedschaft in der IGBCE zu gewinnen. Das sogenannte Organizing wird in den kommenden Jahren ein wichtiges Thema für uns.
Was braucht es, um erfolgreiche Tarifpolitik zu machen?
Neben einem guten und kompetenten Tarifteam und engagierten Belegschaften braucht es vor allem viele ehrenamtliche Kolleginnen und Kollegen für unsere Tarifkommissionen. Denn wir dürfen eines nicht vergessen: Unser Tarifgeschäft ist zutiefst demokratisch organisiert, jede Forderung, jede Verhandlung und jeder Abschluss wird begleitet von einer Tarifkommission, die letztlich auch die Entscheidung trifft, ob wir ein Verhandlungsergebnis annehmen oder nicht. Deshalb sind die Wahlen zu den Tarifkommissionen, die im Juli starten, so wichtig. Wir müssen mehr als 3000 Mitglieder in über 800 Tarifkommissionen besetzen. Auch das ist eine Hausnummer. Und auch hier stehen wir vor einem Generationswechsel: Viele erfahrene Tarifkämpferinnen und -kämpfer werden aufhören, von unten wachsen neue Kolleginnen und Kollegen in diese Aufgabe hinein.
Nenne uns doch dein stärkstes Argument: Warum sollte man sich zur Wahl stellen und in einer Tarifkommission engagieren?
Kaum etwas ist so spannend wie Tarifpolitik. Mit deinem Engagement in einer Tarifkommission bist du ganz nah dabei, wenn über Geld und Arbeitsbedingungen für dich und deine Kolleginnen und Kollegen entschieden wird. Das ist aufregend und macht wirklich Spaß.