Portrait

Februar | März 2026

Arndt Küpper ist sich sicher, dass die Transformation nur mit den Beschäftigten gelingt.

Foto: Lippka & Söhne

„Wir wissen, was funktioniert“

Die Sicherung von Arbeitsplätzen und die Schaffung von Wettbewerbsvorteilen stehen ganz oben auf der Agenda des noch jungen SustainIndustry Lab. Das hat sich 2024 gegründet initiiert durch die IGBCE. Dabei kann das SustainIndustry Lab auf viel betriebliche Expertise zurückgreifen. Denn das Netzwerk besteht aus engagierten Betriebsrätinnen und Betriebsräten von Chemieunternehmen aus ganz Deutschland. Gemeinsam erarbeiten sie konkrete Schritte für eine erfolgreiche Transformation der chemischen Industrie. Arndt Küpper, Betriebsratsvorsitzender von Clariant in Oberhausen, ist von Anfang an mit dabei.

Der 62-Jährige bringt jahrzehntelange Erfahrung mit, war Mitglied im Gesamtbetriebsrat von Clariant und Vorstandsvorsitzender der Betriebsräte-Arbeitsgemeinschaft Erdöl, Kohle- und Grundstoffchemie, der größten ihrer Art in Europa. Er hat gelernt, zwischen verschiedenen Interessen erfolgreich zu vermitteln. „Wir sehen die wirtschaftlichen Zwänge, unter denen die Unternehmen stehen“, sagt Küpper. „Aber wir verstehen auch die Sorgen der Beschäftigten um ihre Arbeitsplätze.“ Im SustainIndustry Lab geht es genau darum, diese Perspektiven zusammenzubringen. „Wir zeigen: Ökologie und Ökonomie sind keine Gegensätze. Nachhaltigkeit ist kein Kostenfaktor, sondern ein strategischer Erfolgsfaktor“, erklärt er.

Eine Kernforderung der Teilnehmenden des SustainIndustry Lab lautet daher: Kreislaufwirtschaft muss als strategischer Schwerpunkt in der Industriepolitik verankert werden. Denn Unternehmen, die heute in Recycling und Kreislaufwirtschaft investieren, machen sich unabhängiger von unsicheren globalen Rohstoffketten und sichern sich Zukunftsmärkte, weil Kunden zunehmend nachhaltige Produkte verlangen. Und sie halten industrielle Wertschöpfung in Deutschland und Europa. Ganz konkret beschäftigt sich das Netzwerk zum Beispiel mit der Rückgewinnung von PU-Schäumen (PU steht für Polyurethan) aus alten Matratzen, dem Recycling von Lithium-Ionen-Batterien oder einem Innovationslabor für die Elektrochemie. Drei zukunftsweisende Projekte, die beim ersten SustainIndustry Lab 2026 auf der Tagesordnung stehen.

Die Beschäftigten sind als aktive In­no­va­tionstreiber der wichtigste Schlüssel zum Erfolg der Transfor­mation.

Arndt Küpper

Auch politisch macht das Netzwerk Druck. Bei ihrem Treffen Anfang Dezember 2025 haben die Teilnehmenden „Standpunkte für nachhaltige Standorte erarbeitet – mit knallharten Forderungen an die Politik“, sagt Arndt Küpper. Zum Beispiel: Öffentliches Geld nur unter klaren Bedingungen. Wenn Unternehmen Milliarden Subventionen für die Transformation bekommen, müssen diese an Standorterhalt und Mitbestimmung gebunden sein. Ein Industriestrompreis sofort: Denn ohne bezahlbare und planbare Energiekosten gibt es keine Investitionssicherheit. Und ohne Investitionen keine Zukunft für unsere Standorte. Forderungen, die das Netzwerk Lars Klingbeil, Vizekanzler und Bundesfinanzminister, mit auf den Weg gegeben hat. Der SPD-Politiker war als Gast beim Treffen dabei und hatte so die Chance, aus erster Hand zu erfahren, was jetzt getan werden muss, um die Chemieindustrie hierzulande in die Zukunft zu führen.

„Die Beschäftigten sind als aktive In­no­va­tionstreiber der wichtigste Schlüssel zum Erfolg der Transfor­mation“, ist Arndt Küpper überzeugt. „Wir kommen aus den Betrieben, wir kennen die Realität in den Anlagen, wir wissen, was funktioniert und was nicht.“ Sein gesamtes Arbeitsleben hat sich der Maschinenbaumeister als Gewerkschafter und Betriebsrat für gute Arbeit und Mitbestimmung stark gemacht. IGBCE-Mitglied ist er seit dem ersten Tag seiner Ausbildung zum Maschinenschlosser, die er 1979 am heutigen Clariant-Standort in Oberhausen bei der Ruhrchemie AG begann.

Seit 1997 ist Küpper Betriebsratsvorsitzender, zudem engagiert er sich im Gesamt- und Europabetriebsrat, im Wirtschafts- und Betriebsausschuss und im Aufsichtsrat des Spezialchemiekonzerns Clariant. Der Werkstattleiter in der Instandhaltung hat zahlreiche Veränderungen in der Chemieindustrie in den vergangenen Jahrzehnten hautnah miterlebt, den Übergang von der Ruhrchemie zu Höchst, dann zu Clariant. „Was wir jetzt erleben, ist anders“, sagt Arndt Küpper. „Es geht nicht nur um Konzernumstrukturierungen, sondern um die Zukunftsfähigkeit unserer gesamten Industrie. Dafür müssen und werden wir kämpfen.“

Volker Wartmann