Artur Oblong (links) und Sven Vollrath.
Fotos: Matthias Jung (l.), Sven Ehlers (r.)
„Die Reihen sind geschlossen“
Die Betriebsräte Artur Oblong und Sven Vollrath sind Mitglieder der Verhandlungskommission für die laufende Tarifrunde in der Chemie- und Pharmaindustrie. Im Interview mit Andreas Schulte sprechen sie über ihre Erwartungen, über Arbeitgeber, die sich schwache Betriebe ausgucken, und über die Streikbereitschaft.
Zur Person:
Artur Oblong (45) ist Betriebsratsvorsitzender beim Chemieparkbetreiber Currenta in Leverkusen und bei Tectrion.
Sven Vollrath (47) ist stellvertretender Vorsitzender des Gemeinschaftsbetriebsrats bei Merck in Darmstadt.
Die erste Verhandlungsrunde habt ihr auf regionaler Ebene bereits hinter euch. Wie habt ihr die Atmosphäre erlebt?
Artur: Durchaus positiv. In der ersten Runde stellen Arbeitnehmer und Arbeitgeber meist nur die wirtschaftliche Situation aus ihrer Sicht dar. Die eigentlichen Verhandlungen kommen in den späteren Runden. Dennoch merkt man den Kollegen bereits an, dass sie untereinander sehr solidarisch sind.
Freut man sich als Betriebsratsmitglied auf Tarifverhandlungen als einen Höhepunkt der Arbeit oder überwiegt der Respekt vor der großen Verantwortung?
Sven: Ich bin das erste Mal dabei und bin zumindest sehr gespannt. Fest steht, dass die wirtschaftliche Situation schonmal entspannter war, was unsere Aufgabe nicht leichter macht.
Artur: Für mich ist es schon die fünfte Runde. Letztlich überwiegt auch diesmal die Freude. Wir machen unsere Arbeit freiwillig. Es ist unsere innere Motivation, Verantwortung zu übernehmen. Bei der Betriebsratsarbeit machen wir das im Betrieb auch. Bei Tarifverhandlungen ist der Rahmen noch einmal größer, was eine zusätzliche Herausforderung darstellt.
Es herrscht Unsicherheit darüber, wann sich die Lage der Industrie wieder positiv entwickeln wird.
Artur Oblong
Wie nehmt ihr die Stimmung in euren Betrieben und in der Branche wahr?
Artur: In der Branche sehr unterschiedlich. Die Grundstoffchemie steht sehr unter Druck, der Pharmaindustrie – wie Merck – geht es gut. Bei uns im Unternehmen ist es ähnlich divers. Bei Tectrion haben wir seit anderthalb Jahren mit Herausforderungen zu kämpfen. Viele Kollegen und Kolleginnen sorgen sich um ihren Arbeitsplatz. Es wird gefragt, wie sicher die Arbeitsplätze sind. Bei Currenta läuft es besser. Aber hier spüren wir die geopolitische und die wirtschaftliche Krise. Es herrscht Unsicherheit darüber, wann sich die Lage der Industrie wieder positiv entwickeln wird.
Besteht die Gefahr, dass Arbeitnehmervertreter bei den Verhandlungen aufgrund der unterschiedlichen wirtschaftlichen Situationen wenig geeint auftreten könnten?
Sven: Nein, alle kriegen mit, was in der Branche los ist. Und allen ist klar, dass es hier Berge und Täler gibt. Die Solidarität ist da. Die Reihen sind geschlossen.
Arbeitgeber könnten sich die Situation der Schwächsten für ihre Argumentation rauspicken und sagen, hier seien keine Lohnerhöhungen möglich?
Artur: Das haben sie schon immer gemacht, die unterste Messlatte genommen. Im Vorfeld von Tarifverhandlungen hieß es oft, Lohnerhöhungen wären nur möglich, wenn an anderer Stelle rationalisiert würde. Dabei haben die Arbeitgeber schon rationalisiert, was zu rationalisieren war. Aber: In den Verhandlungen und in persönlichen Gesprächen mit dem Arbeitgeber wird vernünftiger argumentiert als mit dem Lautsprecher im Vorfeld.
Einen Reallohnverlust darf es nicht geben. Die Branche muss für Fachkräfte attraktiv bleiben.
Sven Vollrath
Die gewerkschaftliche Forderung für die Tarifrunde nennt keine Zahl, aber stattdessen das Motto „Jeder Job zählt, jeder Euro zählt“. Ist das womöglich zu vage formuliert?
Artur: Nein, Beschäftigungssicherung und Lohnerhöhungen sind genau der Fokus, den wir setzen müssen. Außerdem könnte es ein Nachteil sein, eine Zahl festgelegt zu haben, die vielleicht drei Monate später am Ende der Verhandlungen überholt sein könnte. Wir hoffen zurecht auf ein Anziehen der Konjunktur. Da kann eine möglicherweise zu niedrige Festlegung auch ein Risiko sein.
Sven: Ohne Prozente ins Rennen zu gehen, ist diesmal die richtige Taktik. Eine Zahl manifestiert sich ohnehin in den Köpfen der Beschäftigten. Alle wissen: Wir haben weiterhin eine Inflation, und dazu muss eben noch etwas draufgelegt werden. Einen Reallohnverlust darf es nicht geben. Die Branche muss für Fachkräfte attraktiv bleiben. Daran sind auch die Arbeitgeber interessiert. Sie wissen, dass entsprechende Löhne dazugehören.
Wie federt ihr überzogene Forderungen aus der Belegschaft ab?
Sven: Davon gab es zuletzt mehr als dieses Mal. Aber klar, einige kritische Stimmen gibt es immer und auch den einen oder anderen, der zum Beispiel einen zweiten freien Tag als Mitgliederbonus fordert. Aber dies sind Ausnahmen. 90 Prozent der Interessierten wissen unsere Forderungen gut einzuschätzen und wirken mäßigend auf die Ausreißer ein.
Sind eure Belegschaften streikbereit?
Sven: Ja, wir sind streikfähig, aber wir legen es nicht darauf an. Von einem Streik hätte keine der beiden Seiten etwas. Als letzte Option muss das aber möglich sein. Doch traditionell einigen wir uns in der Chemie eher ohne Streiks. In anderen Branchen hat man das Gefühl, dass sie mit Warnstreiks noch vor der ersten Runde starten. Bei Merck wurde zuletzt 1971 gestreikt – und das war ein wilder Streik.
Artur: Die Tarifverhandlungen, an denen ich beteiligt war, waren immer von gegenseitigem Verständnis geprägt. Unsere guten Verhandlungsergebnisse geben uns doch recht. Wir werden nicht übers Ohr gehauen. Jede Seite macht Kompromisse.
Rechnet ihr mit langen Verhandlungen?
Artur: Schwer zu sagen. Die Verhandlungen sind erst einmal für drei Runden terminiert.
Neben erfolgreichen Verhandlungen ist es oft herausfordernd, das Ergebnis der Tarifverhandlungen in die Belegschaft zu kommunizieren. Wie geht ihr vor?
Artur: Das ist in der Tat schwierig. Denn in der Regel sind negative Reaktionen aus der Belegschaft lauter als positive. Das gilt vor allem auf Social Media. Vertrauensleute sind in dieser Phase wichtig. Sie verstehen das Zustandekommen eines Ergebnisses. Gemeinsam mit ihnen können wir die Taktik der Verhandlungen erklären und die Hintergründe dazu. Dann geht das.
Sven: Beim vergangenen Abschluss war die Kommunikation leicht, weil das Ergebnis mit 6,85 Prozent und dem Mitgliederbonus gut war. Aber unabhängig davon: Ein Tarifergebnis müssen wir auf vielen Runden durch den Betrieb und auch bei Betriebsversammlungen erläutern, damit es mit Verständnis aufgenommen wird.