„Demokratie hat ihren Wert“
Ab März werden neue Betriebsräte gewählt. Warum diese Wahlen wichtig sind, welche Ziele sich die IGBCE gesetzt hat, warum das Onboarding der Neuen eine große Aufgabe ist und was auf die Betriebsräte von morgen zukommt, erklärt Oliver Heinrich im Interview mit Bernd Kupilas.
Oliver Heinrich ist Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IGBCE.
Foto: Stefan Koch
Oliver, kommenden Monat starten die Betriebsratswahlen. Welche Ziele hat sich die IGBCE gesetzt?
Wir haben den Anspruch, dass alle Betriebsratsmitglieder auch Mitglied der IGBCE sind oder werden. In der ablaufenden Amtszeit waren es tatsächlich nur 72 Prozent. Wir haben uns für die neue Amtszeit als Ziel 80 Prozent und bei den BR-Vorsitzenden 90 Prozent gesetzt. Wir wollen damit auch weiterhin im Vergleich der DGB-Gewerkschaften auf Platz 1 sein. Diese Stärke ist unser Pfund, wir wollen sie nicht nur erhalten, sondern ausbauen. Das kommt aber nicht von allein.
Was muss man dafür tun?
Traditionell sind unter den Neugewählten immer eine ganze Reihe, die mit uns sympathisieren, aber noch nicht Mitglied sind. Die müssen wir zu uns holen, und zwar konsequent. Das passiert möglichst schon vor der Wahl, spätestens aber danach, und üblicherweise durch Überzeugungsarbeit im Gremium. Die schlagenden Argumente dafür muss ich gar nicht groß nennen. Unsere Aktiven wissen, wie wichtig eine starke Gewerkschaft im Rücken für ihre Arbeit ist.
Wie sieht der Fahrplan bis zur Wahl aus?
Wir kämpfen in den kommenden Wochen in allen Betrieben für unsere Positionen – und für eine starke Wahlbeteiligung. Denn diese wird unseren IGBCE-Kandidatinnen und -Kandidaten Rückenwind bescheren, da bin ich mir sicher.
Die Wahlbeteiligung war vor vier Jahren gesunken.
Das stimmt, wobei man berücksichtigen muss, dass die Wahlen vor vier Jahren unter Coronabedingungen stattfanden und zudem eine Grippewelle grassierte. Damals waren Briefwahlen in vielen Betrieben auch noch nicht so etabliert. Unsere Betriebsrätinnen und -räte haben dennoch einen engagierten Wahlkampf gemacht und mitten in einer Pandemie erstaunlich gut mobilisiert. Ich bin deshalb guten Mutes, dass wir die Beteiligung diesmal im Vergleich zu 2022 steigern können. Das ist umso wichtiger, weil eine starke Beteiligung gerade jetzt das richtige Signal setzt.
Unsere Demokratie ist wertvoll. Auch und gerade die Demokratie am Arbeitsplatz.
Oliver Heinrich
Was meinst du damit?
Unsere Demokratie steht unter Beschuss. Weltweit nehmen autokratische Tendenzen zu, und auch hierzulande wird der Wert der Demokratie in Frage gestellt. Gerade Betriebsratswahlen zeigen aber, worum es in einer Demokratie geht: um die Gestaltung des eigenen Lebens. Wir verbringen einen Gutteil unserer Zeit am Arbeitsplatz. Da ist es nur logisch, dass wir mitreden wollen, dass nicht über unsere Köpfe hinweg entschieden werden kann. Betriebsratswahlen sind eine sehr unmittelbare Form der Demokratie. Im größten Teil unserer Betriebe wird per Persönlichkeitswahl entschieden. Ich kenne den Kandidaten, die Kandidatin, ich kann mit ihm oder ihr reden, und ich kann mich selbst einbringen, vielleicht sogar selbst kandidieren. Die Botschaft muss sein: Unsere Demokratie ist wertvoll. Auch und gerade die Demokratie am Arbeitsplatz.
Welche Aufgaben kommen auf die neu gewählten Betriebsratsgremien zu?
Das Thema IGBCE-Mitgliedschaft des gesamten Gremiums habe ich bereits erwähnt – als ganz zentralen gemeinsamen Punkt. Für einen guten Start ist zudem wichtig, dass die erstmals Gewählten möglichst schnell die Grundqualifizierung bei der BWS besuchen und es eine Aufgaben- und Bildungsplanung für das gesamte Gremium gibt. Viele Gremien starten übrigens mit einer Strategieklausur, um grundsätzliche Fragen ihrer Arbeit zu Beginn der neuen Amtszeit gemeinsam zu klären. Auch das kann ich nur empfehlen.
Und welche großen inhaltlichen Themen siehst du?
Das drängendste Thema ist die wirtschaftliche Lage unserer Branchen. Wir werden in den kommenden Monaten alle Kraft brauchen, um für den Erhalt von Standorten, Produktionen und Arbeitsplätzen zu kämpfen. Ich bin fest davon überzeugt: Wir können und müssen dem drohenden Kahlschlag etwas entgegensetzen. Was übrigens ein wichtiges Argument für die Wahl ist. Wir brauchen starke Betriebsräte, gerade jetzt.
Du bist optimistisch?
Ja, durch und durch. Demokratie im Betrieb ist unser Ding. Unsere Ehrenamtlichen gehen jetzt mit Volldampf in den Endspurt, und ich wünsche allen unseren Aktiven im Wahlkampf viel Erfolg.