Praxis

Februar | März 2026

Aktiv für Barrierefreiheit digital und analog: Klaus Hummel (BASF, links) und Karl-Heinz Sonnet (Quarzwerke) wurden für ihre SBV-Projekte mit dem Inklusionspreis der IGBCE geehrt.

Foto: Nicole Strasser

Ausgezeichnete Inklusion

Sie sorgen dafür, dass Inklusion mehr ist als ein Wort oder ein frommer Wunsch. Schwerbehindertenvertretungen setzen sich für echte Teilhabe ihrer Kolleginnen und Kollegen mit Handicaps ein – und machen die Arbeitswelt so für alle Beschäftigten besser und vielfältiger. Wie, das haben drei Schwerbehindertenvertreter, die für ihre Projekte ausgezeichnet wurden, Kathryn Kortmann erzählt.

Die Widerstände, die Karl-Heinz Sonnet aus dem Weg räumen musste, um den beiden Kollegen am Lkw-Verladeplatz ein sicheres Arbeiten zu ermöglichen waren anfangs enorm. Nicht nur die Geschäftsführung der Quarzwerke in Frechen musste von der Notwendigkeit eines Umbaus überzeugt werden, auch die beiden Kollegen mit Handicaps selbst waren zunächst eher skeptisch. „Sie hatten sich mit ihrem Arbeitsplatz arrangiert und hatten wohl Angst, dass sie ihre eingespielten Routinen aufgeben müssen“, erzählt Betriebsratsvorsitzender Karl-Heinz Sonnet, seit 2014 auch Schwerbehindertenvertreter (SBV). Die enge Wendeltreppe, die die Beschäftigten erklimmen mussten, um zu ihrem Arbeitsplatz zu gelangen, war „ein Unding“, erzählt Sonnet, „das geht so nicht weiter“. Denn die Kollegen, die dort die Verladung von täglich mehreren Tausend Tonnen Sand und Quarzmehl steuern und überwachen, sind gehandicapt. Das Treppensteigen fällt ihnen schwer. Dazu heizte sich der Arbeitsplatz im Sommer bei hohen Temperaturen enorm auf und erschwerte das Arbeiten zusätzlich.

Das alles hat sich inzwischen grundlegend geändert. Mit viel Beharrlichkeit und einem ausgeklügelten Plan hat Karl-Heinz Sonnet sein Projekt durchgezogen. Er holte den Integrationsfachdienst mit ins Boot, stellte Anträge für Fördergelder, die bewilligt wurden, und begeisterte so schließlich auch die Geschäftsführung von seinen Plänen. In zwei Phasen wurde der Umbau durchgeführt und zwar so, dass „der normale Betrieb parallel weiterlaufen konnte“, berichtet Sonnet.

Die Begeisterung war nach Abschluss der Bauarbeiten groß: Wo früher eine steile Wendeltreppe hinderte, erfolgt der Aufstieg zum Arbeitsplatz nun über eine breite Treppe mit Handlauf auf beiden Seiten und Zwischenpodest. Zudem gibt es eine Möglichkeit, noch einen Treppenlift zu installieren, sollte der Gesundheitszustand der beiden Kollegen dies irgendwann erfordern. Außerdem sorgt eine Klimaanlage jetzt auch im Sommer für erträgliche Temperaturen. Die Arbeitsplätze im Fensterbereich sind mit ergonomisch und speziell angepassten Bürostühlen und Tischen ausgestattet, und zusätzliche Kameras sorgen für eine gute Überwachung der Ladevorgänge per Bildschirm.

Schönster Lohn für seine Bemühungen ist für Karl-Heinz Sonnet, dass sich seine Hartnäckigkeit ausgezahlt und zu besseren Arbeitsbedingungen geführt hat. Aber auch der Inklusionspreis der IGBCE, den er im Dezember in Hannover in der Kategorie für Betriebe unter 500 Beschäftigten in Empfang genommen hat, war für ihn eine „große Ehre“ und das Tüpfelchen auf dem i am Ende eines langen Einsatzes als Betriebsrat und SBV. Eigentlich wäre der 66-Jährige bei der Preisverleihung längst in Rente gewesen, aber um einen reibungslosen Übergang zu gewährleisten, hat Sonnet den Eintritt in seinen Ruhestand um fast zehn Monate verschoben. Nach den vorgezogenen SBV-Wahlen im März ist dann aber endgültig Schluss – dann hoffentlich mit dem guten Gefühl, „dass die SBV-Arbeit und Barrierefreiheit in Frechen weiterhin hohen Stellenwert haben“.

Dass Inklusion heute für unsere digitalen Arbeitsprozesse selbstverständlich ist, hat zu einem Kulturwandel hin zu mehr Offenheit geführt.

Klaus Hummel

Digitalen Fallstricken auf der Spur

Barrierefreiheit spielt auch beim Sieger des IGBCE-Inklusionspreises für Betriebe mit mehr als 500 Beschäftigten, dem Chemiegiganten BASF, eine große Rolle. Nicht nur analog, auch in der digitalen Welt lauern Fallstricke, die vielen Kolleginnen und Kollegen mit körperlichen oder kognitiven Einschränkungen – und ohne – die Arbeit erschweren. Zum Beispiel, wenn wenig kontrastreiche Schriften und Hintergründe in Präsentationen verwendet, Videos für Sehbehinderte nicht transkribiert und für Hörbehinderte nicht untertitelt werden, keine Sprachsteuerung der Programme möglich ist, Texte nur in Englisch daherkommen oder kein Umschalten auf einfache Sprache möglich ist. Interviews mit SBVen, Führungskräften, Kolleginnen und Kollegen aus der Personalabteilung und dem werksärztlichen Dienst haben 2019 eine ganze Reihe von Potenzialen identifiziert. „Für wirkliche digitale Barrierefreiheit gab es noch reichlich Luft nach oben“, sagt Klaus Hummel (59), Konzern- und Schwerbehindertenvertreter sowie Betriebsrat bei BASF Digital Solutions.

Für die Konzern-SBV Grund genug, die digitale Welt noch genauer auf den Prüfstand zu stellen und gemeinsam mit der früheren BASF Business Services (heute BASF Digital Solutions) die unternehmensweite Arbeitsgruppe Practice Group for Inclusion ins Leben zu rufen. Herausgekommen ist dabei 2021 eine Handlungsempfehlung, das sogenannte Book of Inclusion, das seither schrittweise umgesetzt wird. Darin hat die Arbeitsgruppe neben schnell und mit wenig Aufwand und Geld zu realisierenden Verbesserungen auch langfristigere Projekte benannt sowie eine Road Map für deren Umsetzung entwickelt. Etliche der Aufgaben sind inzwischen umgesetzt.

Auf einer eigenen Website der BASF Digital Solutions aktualisiert die Webredaktion regelmäßig, wo es digitale Barrierefreiheit bei der BASF gibt. Ein Social-Media-Kanal bietet Betroffenen im Konzern die Möglichkeit zum Austausch, Präsentationen werden inzwischen in verschiedenen Sprachen untertitelt. Andere Projekte wie die Steuerung des Computers per Augen oder der Einsatz von Knochenschallkopfhörern sind per Test bewertet worden und mittlerweile Bestandteil des IT-Katalogs. „Es gibt nur positive Rückmeldungen“, sagt Klaus Hummel. „Dass Inklusion heute für unsere digitalen Arbeitsprozesse selbstverständlich ist, hat zu einem Kulturwandel hin zu mehr Offenheit geführt.“

Gewinn auf allen Ebenen: Vom SBV-Projekt, das Liridon Haziraj bei Linde initiiert hat, profitieren junge Menschen mit Handicap, und die Kolleginnen und Kollegen in den Abteilungen machen ebenfalls wertvolle Erfahrungen. Dazu gab es für Haziraj den Sonderpreis Inklusion beim Deutschen Betriebsrätetag.

Foto: DBRP 2025 | Dirk Baumbach

Win-win für alle

Geöffnet hat sich – nicht nur im übertragenen Sinn – auch die Tür beim Industriegasehersteller Linde für Praktikantinnen und Praktikanten aus zwei Münchner Inklusionsschulen. Initiator dieses Projekts, das beim Deutschen Betriebsrätetag im November mit dem Sonderpreis Inklusion ausgezeichnet wurde, war Liridon Haziraj. Er ist seit 2022 Vorsitzender der Konzern-SBV und hat selbst eine Inklusionsschule besucht – und sich schwergetan, den Einstieg in die Arbeitswelt zu schaffen. „Ein Praktikum hätte mir damals gutgetan“, sagt der 40-Jährige, „und geholfen, bei möglichen Arbeitgebern Vorbehalte gegen Beschäftigte mit Handicap abzubauen.“

Was ihm damals verwehrt blieb, ist nun jungen Menschen möglich, weil Haziraj die Schulleitungen und die Linde-Geschäftsführung von der Kooperation überzeugt hat. Ob in der IT-Abteilung, in der Logistik oder im Büromanagement in nahezu allen Bereichen können die Schülerinnen und Schüler seit 2023 schnuppern. Zehn junge Menschen im Alter zwischen 15 und 23 Jahren mit unterschiedlichsten Einschränkungen haben seither von der Möglichkeit Gebrauch gemacht. Ein ehemaliger Praktikant hat inzwischen sogar seine Ausbildung bei Linde begonnen.

Das Projekt ist ein großer Erfolg, sagt Liridon Haziraj. „Die Kolleginnen und Kollegen freuen sich, den jungen Menschen ihren Arbeitsalltag nahezubringen und sie darin zu integrieren.“ Das Projekt nimmt den Beschäftigten Berührungsängste, und die Schülerinnen und Schüler profitieren enorm. „Ein Praktikum in einem großen Unternehmen macht sich gut in ihrem Lebenslauf“, sagt Haziraj, „und sie sehen, wie sie in der freien Welt wahrgenommen werden. Das stärkt das Selbstbewusstsein.“ Das Projekt soll auch an anderen Linde-Standorten Schule machen. In Leuna gibt es bereits ein ähnliches Projekt und in Dresden soll eine Kooperation mit der Universität entstehen.