„Wir hätten uns ein faules Ei ins Nest gelegt“
Zum gemeinsamen industriepolitischen Aktionstag von IGBCE und IG Metall kamen in Köln 23.000 Kolleginnen und Kollegen. Unter ihnen war auch Marco Hucklenbroich. Der Betriebsratsvorsitzende und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende bei Ineos sprach am Rande des Events mit unserem Autor Andreas Schulte über seine Eindrücke vom Aktionstag, Forderungen an die Politik und undurchdachte Förderungen.

Foto: Matthias Jung
Marco Hucklenbroich (40) ist seit Beginn seiner Ausbildung 2001 beim Chemieunternehmen Ineos in Köln. Der Energieelektroniker mit Spezialisierung auf Automatisierungstechnik ist seit 2010 Betriebsrat, arbeitete bis zu seiner Freistellung 2016 als Ausbilder und Auftragsplaner. Seit 2022 ist er Betriebsratsvorsitzender.
Marco, du hast als Betriebsratsvorsitzender gerade auf der Bühne gesprochen. Wie war das für dich?
Ein Wahnsinnserlebnis … der Blick hier über die Kulisse des Rheins, über die Köpfe der vielen Kolleginnen und Kollegen. Das ist schon eindrucksvoll, gerade auch weil ich Kölner bin. Und aus gewerkschaftlicher Sicht ist es für mich natürlich eine große Ehre, dass ich stellvertretend für die chemische Industrie in der Region sprechen durfte.
Warst du nervös?
Ich bin eigentlich ein ruhiger Typ und suche nicht die große Rede. Wenn ich vor so vielen Menschen auf die Bühne darf, bin ich vorher immer angespannt und wortkarg. Kurz bevor ich spreche, blicke ich erst immer einige Sekunden auf die Menschen, um mich zu sammeln. So löse ich die Anspannung. Das hat auch heute wieder geklappt. Gut so, denn heute war es ja auch besonders wichtig.
Inwiefern?
Eine Riesenaktion wie hier ist zugleich eine Riesenchance. Wir müssen als Arbeitnehmervertreter und Gewerkschafter jede Möglichkeit nutzen, uns Gehör zu verschaffen. Jetzt noch vor der Bildung der neuen Regierung ist dafür genau der richtige Zeitpunkt. Mein Credo war schon immer: Meckern kann jeder, aber man muss anpacken, wenn man etwas verändern möchte. Diese Veranstaltung hier gehört zur Kategorie Anpacken. Da ist es dann keine Frage, auch mal einen Samstag zu opfern. Das sehen offenbar viele so.
Was erhoffst du dir von der neuen Regierung?
In den vergangenen Jahren ist in Bezug auf Industriepolitik und energieintensive Branchen wenig passiert. Ich habe die Einsicht in die Notwendigkeit vermisst, Chemieunternehmen zu helfen. Das Wirtschaftsministerium in Nordrhein-Westfalen hat offensichtlich ideologische Vorbehalte. Bei unserem Gespräch schien Ministerin Mona Neubauer wenig interessiert. Energiepolitisch können wir hier und heute neue Türen aufstoßen.
Was forderst du?
Zum einen brauchen wir einen Industriestrompreis. Wir verlieren schon jetzt deutsche Kunden an ausländische Wettbewerber. Für sie ist es günstiger, dort einzukaufen – trotz des Transports der Produkte. Auf Dauer sind wir so nicht wettbewerbsfähig. Ein zweiter Baustein sind die Netzentgelte, die noch bis 2026 für Großabnehmer rabattiert sind. So sparen wir pro Jahr mehrere Millionen Euro. Aber 2026 soll diese Regelung überarbeitet werden. Wird die Rabattierung gekündigt, fressen uns die Netzentgelte auf.
Welche Folgen hätte es über die Betriebsgrenzen hinaus, wenn ihr dauerhaft nicht wettbewerbsfähig bliebt?
Ineos ist eine wichtige Säule für die gesamte Chemiebranche in Deutschland. Unsere Grundstoffchemikalien stehen am Anfang der Wertschöpfungskette. Wenn es uns nicht gutgeht, geht es auch weiterverarbeitenden Unternehmen schlecht. Am Ende stünden zum Beispiel Kunststoffe, Lacke oder Pflegeprodukte aller Art, also Dinge des täglichen Bedarfs, Verbrauchern nicht mehr zur Verfügung – zumindest kämen diese Waren dann nicht mehr aus Deutschland.
Wir sind jetzt seit mehr als drei Jahren im Krisenmodus.
Marco Hucklenbroich
Du bist bereits seit 2001 bei Ineos in Köln. Wie hat sich der Betrieb wirtschaftlich entwickelt?
Es gab immer mal wirtschaftliche Dellen. Aber Dellen kann man ausbeulen. So war es selbst nach der Finanzkrise 2008. Aber diesmal kommt einfach kein Aufschwung mehr. Wir sind jetzt seit mehr als drei Jahren im Krisenmodus.
Mit welchen Folgen für die Beschäftigten?
Wir waren mal 2500 Beschäftigte in Köln. Es gibt kein Programm, um die Belegschaft zu reduzieren. Aber ein lang anhaltender Einstellungsstopp sorgte für große Lücken und diese werden auch teilweise nicht wieder geschlossen. Ineos ist zwar zurückhaltender als die Konkurrenz, wenn es um die Themen dauerhafte Anlagenschließungen und Standortverlagerungen ins Ausland geht, aber auch Ineos wird irgendwann Entscheidungen wie diese treffen müssen, wenn sich die Situation nicht bald verbessert.
Wo siehst du euch in zehn Jahren?
Wir werden diese Krise überleben, fragt sich nur, in welcher Form. Wir werden nicht mehr so aufgestellt sein wie heute. Wir werden einzelne Produkte nicht mehr herstellen, weil es wirtschaftlich nicht sinnvoll sein wird, dafür aber dann hoffentlich andere. Dieser Prozess wird sich auf die Belegschaft auswirken. Dazu beschäftigt uns die Dekarbonisierung. Die Transformation zu einer nachhaltigen Produktion ist seit Jahren in aller Munde. Wenn wir laut geltendem Recht CO₂ reduzieren müssen, dann bitte auch mit den geeigneten Werkzeugen und nicht am Ende mit Anlagenschließungen, weil uns diese Werkzeuge fehlen.
Wie kann die Transformation gelingen?
Eigentlich muss man genau jetzt im großen Stil in die Transformation investieren. Diese Investitionsbudgets müssen aber erst einmal erwirtschaftet werden. Derzeit tun Unternehmen sich schwer, in den Standort Deutschland zu investieren. Hier muss ein klares Bekenntnis her. Darüber hinaus braucht es staatliche Mittel. Teilweise hat es die auch gegeben. Aber es sind zu wenig, und oft wurde zu kurz gesprungen.
Kannst du ein Beispiel nennen?
Wir hätten eine Förderung für den Bau eines Elektrolyseurs zur Produktion von grünem Wasserstoff erhalten können, haben aber letztlich darauf verzichtet, weil die Förderung mit der Fertigstellung der Anlage ausgelaufen wäre. Der teure Betrieb anschließend ist ohne weitere Förderung zurzeit nicht wirtschaftlich. Wir hätten uns also ein faules Ei ins Nest gelegt.
Du hast jetzt Feierabend. Wie geht dein Tag nach dieser Veranstaltung zu Ende?
Ich bleibe bis zum Schluss des Aktionstags noch hier, höre Reden und Musik. Später freue ich mich auf ein Treffen mit Betriebsratskollegen im Brauhaus. Dieser Termin stand schon lange vor dem des Aktionstags, lässt sich aber prima verbinden.